Menü
X
Sie haben nichts gefunden?
Händler Finden

Das unsichtbare Wesen, welches den Körper bestimmt

Angstzustände, niedergeschlagene Stimmung, Entscheidungsunfähigkeit, wenig Lust auf Sex oder Appetitlosigkeit, all diese Symptome können vor allem, wenn sie über einen längeren Zeitraum auftreten, ernst zu nehmende Hinweise für Depressionen sein.

Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Depressionen. Die Dunkelziffer liegt nach Meinung von Psychologen bei weitem höher. Die Seelenkrankheit ist die häufigste Ursache für Suizide, vor allem bei jüngeren Menschen.

 

AutorSina Greis
Datum22. Januar 2018 08:17:57 CET
Das unsichtbare Wesen, welches den Körper bestimmt

Vor mir sitzt Melanie,(Name im Artikel geändert) eine hübsche, junge Frau Mitte 30. Auf dem ersten Blick selbstbewusst und mit beiden Beinen im Leben stehend. Ich kenne Melanie schon eine gewisse Zeit und weiß, dass der Schein trügt, denn Melanie trägt einen dunklen Schatten mit sich. Sie leidet bereits seit etlichen Jahren unter Depressionen. Mit diesem Wort meine ich in dem Fall keine unangenehme Episode, sondern eine erst zunehmende Erkrankung, welche Melanie schon mehrfach fast das Leben gekostet hat. 

 

Ich habe mit Melanie gesprochen, über Ängste, Sorgen und den letzten Klinikaufenthalt in der geschlossenen Psychiatrie. 

 

„Es ist eine vollkommende leere, ein Gefühl der Selbstaufgabe.“ 

 

Die letzte dramatische Phase ereignete sich vor einem halben Jahr. Sie kündigte sich mit Verspannungen im Rücken, Kopfschmerzen und einem Allgemeinen Spannungsgefühl an. Symptome, die M. zunächst als eine Begleiterscheinung eines zu harten Trainings deutete, entwickelten sich rasch zu einem Gefühl der allgemeinen Schwäche, Unlust und Müdigkeit.

 

„Ich verlor den Glauben an mich selbst, hatte das Gefühl die ganze Welt sei gegen mich.“

 

Durch die behandelnde Ärztin erfolgte eine sofortige Umstellung der Medikamente. Doch es war zu spät. Melanie fiel in ein tiefes, schwarzes Loch. Was in ihrem Kopf vorging, kann sie nicht genau beschreiben. Jeder bewusste Gedanke handelte sich darum, wie sie am schnellsten und unkompliziertesten von dieser Welt gehen könne. Sie organisierte ihren Suizid, wusste aber das sie ihn nicht durchführen würde. Der Gedanke für denn letzten Schritt alles zuhause zu haben, gab ihr Sicherheit. 

 

„Ich schlief und schlief und schlief … wurde ich wach, weinte ich. Ich gab mich auf. Selbst duschen und Körperpflege machte für mich keinen Sinn mehr.“

 

Allein der Hilfe ihres Mannes und ihres Sohnes hat Melanie ihr Leben zu verdanken. Ihr Mann sorgte für die sofortige Einweisung in eine geschlossene psychiatrische Klinik. 

Die Aufnahme erfolgte auf der Akutstation. Eine Station für besonders selbstgefährdete Menschen. Melanie kann nicht mehr viel von diesen 2 Wochen wiedergeben. Sie bekam stark beruhigende Medikamente, berichtet aber auch von emotionalen Ausbrüchen, die sich in Gewalt gegenüber Personal und Mitpatienten auswirkten. 

 

„Ich schmiss mit Stühlen nach der Ärzten, beschimpfte andere Patienten und schrie. Ich weiß nicht was mit mir los war… „

 

Melanie verlor die komplette Kontrolle. Das schwarze Loch schien immer tiefer zu werden. Eine, sie seit Jahren begleitende Psychiaterin wurde für sie zur gefühlten Feindin. Das Gefühl des alleingelassen werden verschlimmerte sich minütlich. Alle anderen Menschen seien anders, nicht aber sie selber. 

 

Ein weiteres Problem stellte die massive Gewichtszunahme durch die starken Medikamente dar. Melanie nahm binnen kürzester Zeit über 20 Kilo zu und begann die Nahrung zu verweigern. 

 

Der Alltag in der Klink bestand aus viel Langeweile, aus anstrengenden Therapiesitzungen und einem „Beschäftigungsprogramm“ für die Patienten, die nicht wie Geister durch die Gänge liefen. 

 

„Nach zwei Wochen wechselte ich die Station“

 

Melanie durfte erstmals für einige Stunden ihre Familie empfangen. Sie schloß ihren Sohn in die Arme und begriff, dass sie wieder nach Hause müsse. Von Tag zu Tag machte sie Fortschritte. Die neuen Medikamente wirkten und die allgemeine Therapie zeigte erste Erfolge. 4 weitere Wochen vergingen, Höhen und Tiefen prägten den Behandlungserfolg, doch einer Entlassung mit anschließender Betreuung über die Tagesklinik stand nichts mehr im Wege. 

 

„Aktuell geht es mir gut aber ich weiß, dass meine Erkrankung nicht heilbar ist. Ich werde die Depression und Psychosen nicht besiegen können, aber ich kann lernen mit ihr zu leben und umzugehen“

 

Melanie ist eine starke Frau mit einer besonderen Persönlichkeit. Lernt man sie kennen, vermutet man nicht, was in ihr schlummert. Trauer, Wut, Verzweiflung, aber auch viele glückliche Momente.

 

Dieser Abschnitt zeigt nur eine Episode aus Melanies Leben, welches sie nun seit über 30 Jahren lebt. Um ihre komplette Vita wiederzugeben, bräuchte man ein sehr großes Buch und vermutlich Wochen der Zusammenfassung. 

 

Was mich während unseres offenen Gespräches traurig stimmt, ist der Umgang der Gesellschaft mit psychiatrischen Erkrankungen. Melanie ist keines Wegs „durchgeknallt“ oder „anders“. Sie ist Krank. Ihre Krankheit könnte auch Rheuma oder Gicht heißen. Ich wünsche mir mehr Toleranz für psychosomatische Erkrankungen und psychiatrisch,- psychologische Behandlungen. 

 

 

“Mit 'nem Beinbruch gehst du auch zum Orthopäden, deshalb kannst du ja vielleicht mal mit 'nem Psychologen reden?! (Julia Engelmann)